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Ziegen und Bienen im Verzascatal

Gloria und Lorenzo Schärer führen zusammen den Biohof In sü la scima in Brione, im Herzen des Verzascatals. Im Sommer ziehen sie auf die Alp Vald in Gerra Verzasca. Sie züchten Milchziegen und produzieren Berghonig und fördern so täglich die Biodiversität. «Die Natur ist ein System, von dem wir, unsere Ziegen und unsere Bienen ein wesentlicher Bestandteil sind.»

 

Er kam mit sieben Ziegen nach Hause, aus denen 32 wurden

Als ich Gloria und Lorenzo frage, ob ich schreiben darf, dass sie ein junges Landwirten-Paar sind, fangen sie an zu lachen: «Bis wann zählt man denn als junge Landwirte?» Sie sind beide noch nicht vierzig, haben zwei kleine Söhne, Olindo und Libero, und führen seit 2016 eine biologische Ziegenzucht in Brione Verzasca. Alles nahm seinen Lauf, als Lorenzo einen Sommer lang seinem Bruder auf der Alp Robièi aushalf. «Als er runterkam, nahm er sieben Ziegen mit nach Hause, aus denen dann 32 wurden», erzählt mir Gloria. «Sie waren zwar weiss, aber keine Stallziegen» ergänzt Lorenzo. Heute verarbeiten sie die Milch ihrer Ziegen zu Käse und produzieren Büsción (einen Frischkäse), Ricotta und einen halbharten Ziegenkäse, die sie in ihrem Selbstbedienungskühlschrank vor ihrem Haus, über die ConProBio und in einigen kleinen Läden im Dorf verkaufen. Und dann gibt es natürlich noch den Honig.

 

«Auf meinen Honig bin ich richtig stolz»

Nicht, dass er auf alles andere nicht stolz wäre, aber wenn er über seinen Honig redet, dann kommt Lorenzo ins Schwärmen. Schon sein Vater und sein Urgrossvater produzierten Honig. Auf der Alp gibt es rund dreissig Bienenvölker, die in kleinen Kästen aus Kastanienholz leben. «Sie sind teurer, dafür halten sie länger und sind weder lackiert noch geleimt. Sie werden im Malcantone hergestellt und es gefällt mir, die lokale Wirtschaft zu unterstützen.» Seine Faszination gehört aber ausschliesslich den Bienen und dem Honig aus extensiver Tierhaltung. «Ich stelle nicht einmal die Bienenstöcke um, sie bleiben immer auf der Alp Vald. In den tiefergelegenen Gebieten des Tessins beginnen die Schwärme bereits grösser zu werden und die Bienen umherzuschwirren. Dort oben hingegen sind sie noch ruhig, sie erwachen erst noch. Mir gefällt die Vorstellung, wie die Bienen auf den Alpweiden umherfliegen und den Nektar der Rhododendren, der Ahornbäume, des Thymians und der Bergmehlbeeren aufsaugen. Stell dir vor, es gibt Jahre, in denen sie nicht einmal ins Tal zu den Linden oder Kastanienbäumen fliegen.» Er ist auch deshalb so stolz auf seinen Honig und die Art, wie er ihn produziert, weil er sich der Rolle der Bienen bei der Bestäubung, vor allem bestimmter Arten, sehr bewusst ist. Auch bei den Bienen fällt der Grossteil der Arbeit in den Sommermonaten an, aber auch im Winter steigt Lorenzo alle zwei Wochen zusammen mit seinem Sohn Olindo zu Fuss auf die Alp, um nachzusehen, wie es den Bienen geht. «Die Tatsache, dass alles dort oben auf der Alp passiert, weit weg von allem, macht ihn zu einem aussergewöhnlichen Honig. Den Honig kann man in gewisser Weise mit einem Wein vergleichen, das Terroir macht den Wert aus. Mein Berghonig ist ein bisschen wie ein Wein von einem kleinen Weinberg.»

Im Sommer springen unsere Wiesen

Die Alpsaison prägt das Jahr von Gloria und Lorenzo stark. Ihre Herde besteht aus Ziegen mit verschiedenen Fellfarben: «Mir gefällt es, angepasste und schwere Ziegen zu haben, die sich in den Hängen des Verzascatals gut fortbewegen und dadurch acht Monate im Jahr auf der Weide bleiben können», sagt Lorenzo. «Sie sind das Ergebnis aus der Kreuzung verschiedener Rassen. Ich muss sagen, dass mir diese genetische Vielfalt sehr gefällt.» Im Stall findet man zudem auch einige Hühner, Appenzeller Spitzhauben um genau zu sein. «Sie sind immer frei und gehen, wohin sie wollen. Stell dir vor, zum Schlafen springen sie auf das Heu, um dann auf die Querbalken des Stalldachs zu gelangen. So muss ich mir nicht mal Sorgen wegen der Füchse machen. Unser Hof ist ein Universum der Biodiversität. Es gibt unzählige Insekten, die aus dem Misthaufen krabbeln, und die Fledermäuse kommen, um sie zu fressen. Das ist die Natur und die Fledermäuse gehören hier einfach dazu. Im Sommer gibt es auf der Alp Vald auch kleine Raubvögel, die die Weiten der Weiden absuchen. Wir sehen sie jeden Tag. Wenn wir heuen – was wir alles von Hand machen –, dann staunen die Helferinnen und Helfer jeweils über die vielen Heuschrecken. Es sind so viele, dass es so aussieht, als würde die Weide selbst hochspringen.» Es ist unglaublich, dass sich viele Menschen gar nicht bewusst sind, dass all diese Heuschrecken und Insekten nur existieren, weil die Schärers Weiden in diesen Höhenlagen bewirtschaften. Ohne ihre Arbeit und ohne ihre Ziegen würde dort in kürzester Zeit der Wald zurückkehren.

 

«Ich bin Naturschützer aus tiefster Überzeugung»

Um ihre Herde vor Wolfsangriffen zu schützen, haben sich Gloria und Lorenzo vor vier Jahren Wachhunde angeschafft, die aber nicht immer einfach zu führen sind. «Die Hunde sind keine Maschinen. Aktuell haben wir drei Hunde und alle haben einen anderen Charakter. Sie erfordern unseren vollen Einsatz. Das ist sehr anspruchsvoll und oftmals habe ich das Gefühl, dass die Menschen sich dessen gar nicht bewusst sind. Ich bin Naturschützer aus tiefster Überzeugung. Ich bin überzeugt, dass wir uns mit unseren Aktivitäten perfekt in die Natur um uns herum integriert haben und unseren Teil zur Förderung der Biodiversität beitragen. Deshalb habe ich Mühe damit, wenn jemand gegen Bauern schiesst, weil jedes Landwirtschaftssystem mit der Natur interagiert. Ein Bauernhof ist keine Betonlandschaft wie eine Autobahn. Wo ist dort die Biodiversität?»

 

Christian Bubola

Betriebsspiegel

BewirtschafterGloria e Lorenzo Schärer
OrtBrione Verzasca, TI
Fläche21 Hektar Heuwiese, davon 9 auf der Alp
TiereEine Herde mit 130 Milchziegen sowie 30 Bienenvölker

 Mehr Infos unter insulascima.ch