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Es ist fast wie in Kanada

Familie Juon aus Scuol fühlt sich auf dem Hof San Jon auf 1465 Meter über Meer dem Himmel nah. Der Hauptbetriebszweig ist die Pferdehaltung. Daneben betreibt die Familie ein Restaurant und ein Hotel. Seit 14 Jahren ist sie dabei am 1. August-Brunch. Die Infrastruktur ist ideal; es braucht keine grosse Vorbereitung.

«Es muss nicht immer Kanada sein», steht zuoberst auf der Webseite des Reitstalls und Saloons San Jon in Scuol. Man ist kritisch ob dieser Behauptung. Kanada ist schliesslich um einiges grösser und unbewohnter. Wie kann der Unterengadiner Men Juon das festlegen? Sobald man auf San Jon eintrifft, spürt man: Der Mann hat recht. Sein Land grenzt an den Schweizerischen Nationalpark und vermittelt den Eindruck, man sei weit und breit alleine. Von Weitem sehen wir eine Reitergruppe auf uns zukommen. Ist es eine Täuschung? Sind wir in einem Western? Nein, Stimmen und Lachen nähern sich. Zuvorderst reiten Brigitte Prohaska und Men Juon, die Leiter des Betriebs San Jon. Sie kommen zurück von einem Tagesritt mit Pferdefreunden.

Wir sind dem Himmel etwas näher
«Ich war nie in Kanada», lacht Men Juon, «und nachdem ich immer wieder höre, sogar von Kanadiern, es sei hier sozusagen gleich, werde ich wohl nie dorthin reisen.» Sie hätten das Glück, in ursprünglicher Natur zu leben. Zudem seien sie auf 1465 Meter über Meer dem Himmel etwas näher. Halt ein bisschen abgeschieden. Im Winter schaffe das manchmal Probleme, aber nur für kurze Zeit. Von Mai bis Oktober bedient das Postauto der Scuol–Val S-charl-Linie die Haltestelle San Jon. Seine Eltern bewirtschafteten einen kleinen Hof in Sent; der Vater war Metzger. Mit 22 übernahm Men Juon den Landwirtschaftsbetrieb der Familie in Scuol. Schon als Bube habe er gewusst, dass er im San Jon leben wolle. Aber als was? Als Bergbauer? Rasch erkannte er, dass auf dem Hof etwas entwickelt werden müsse, das mit Tourismus zu tun habe. Als sein Vater pensioniert wurde, kaufte er ein Pferd und brachte es in den Stall. «Da machte es bei mir klick», blickt der Sohn zurück, «obwohl ich bis zu jenem Zeitpunkt nie ein Pferd angefasst hatte.»

Arven-Fondue
Es entstanden allmählich der Reitstall und der Saloon, also das Restaurant San Jon, mit rund 50 Plätzen. «Für den Saloon habe ich acht Jahre mit dem Kanton gekämpft», hält der Wirt fest. «Es hat sich gelohnt.» Im Restaurant gibt es Spezialitäten aus der Region. Im Sommer wird draussen grilliert für Wanderer, Reiter, Hotelgäste. Im Winter bereitet der Koch Arven-Fondue zu. Das «chüschtige» Gericht wurde von Juons erfunden. Die Fonduemischung kaufen sie in Sent und verwandeln sie in einen wahrlich herrlichen Schmaus, der in die Gegend passt. In der Nähe befindet sich nämlich der höchst gelegene zusammenhängende Arvenwald Europas.

Wundersame Geschichten am Lagerfeuer
Zum Betrieb gehört ein Hotel mit 42 Betten. Doch der Hauptbetriebszweig sind die Pferde. Die Betriebsleiter nennen sie «die Grössten» auf der Ranch. Die Tiere haben täglich Weidegang, auch im Winter. Da wird für sie auf einem Flecken so lange Schnee weg geschaufelt, bis das Gras hervorschaut. Das Angebot rund ums Pferd ist vielseitig und attraktiv: Trekking von einem Tag bis zwei Wochen; begleitete Ausritte; Reitstunden; Jugendreitlager; Schlitten- und Kutschenfahrten. Zum Nationalpark gibt es keinen Zugang. «Es ist aber meine Ambition», lächelt Men Juon, «dass ich vor meiner Pensionierung mit einer Gruppe beim «Nachbarn» durchreiten darf.» Er wird’s schaffen… Wenn Men Juon anfängt, von mehrtägigen Ausritten zu berichten, würde man am liebsten gleich mit ihm losziehen. «Ich will, dass die Leute etwas erleben», ist sein Credo. «Nicht nur ihr Körper soll von der Auszeit hier oben profitieren, sondern auch – oder gar besonders – der Geist, das Herz, die Seele.» Beim Picknick oder am Lagerfeuer erzählt er den Leuten wundersame, geheimnisvolle Geschichten von der versunkenen Alphütte am Piz Magliavachas, dem Kuhfresserspitz, von versteckten Seelein und Wesen, die dort in der Umgebung hausen. Seine Geschichten basieren auf philosophischem Grund, sind spannend bis zum letzten Wort. In der Gaststube hören sie sich nett und harmlos an. Wie ist das wohl draussen in der Einöde? Wenn der Himmel grau ist oder die Nacht hereinfällt?
 
Infrastruktur für 1. August-Brunch vorhanden
Angesichts der verschiedenen Zweige benötigt der Betrieb mehrere Mitarbeitende. Die meisten arbeiten Teilzeit. Total beschäftigen Juons 15 Angestellte zu 100 %. Nicht ohne Stolz sagt Men Juon, sie müssten das Personal nicht suchen. Oft würden junge Leute, die bei ihnen Ferien verbringen, später fragen, ob sie eine Saison lang irgendetwas arbeiten könnten bei ihnen. Es ist offensichtlich, dass sich hier alle kennen. Die Mahlzeiten werden mit dem Betriebsleiterpaar an einem grossen Tisch gemeinsam eingenommen. Seit 14 Jahren machen Juons mit beim 1. August-Brunch. «Für uns ist das kein grosser Mehraufwand», sagen die beiden, «denn die Infrastruktur ist vorhanden und wir müssen keine Scheunen leeren oder aufräumen.»


Autorin: Benildis Bentolila

Webseite: sanjon.ch