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Eine Landschaft zum Geniessen

Eine atemberaubende Landschaft und frische, lokale Produkte – dies sind die Zutaten für den Erfolg des 1. August-Brunches im Agriturismo Dosso dell’Ora. Gastgeber sind die Cereghettis, die auch noch leidenschaftlich gern singen.

Den Agriturismo Dosso dell’Ora erreicht man, indem man mit dem Auto ab Somazzo in Richtung Monte Generoso hochfährt. Oder zu Fuss in etwa zwanzig Minuten ab Bellavista, der zweitletzten Haltestelle der Bahnlinie zum Gipfel, auf einem gut begehbaren Weg. Viele Wege führen aber dorthin. Inmitten der grauen Rinde der Buchen und des kräftigen Grüns der Blätter sieht man ein grosses, ockerfarbenes Haus. Davor eine natürliche Terrasse mit Ausblick in Richtung Po-Ebene.

Wir befinden uns auf tausend Metern über Meer, auf dem Bergrücken, der vom Monte Generoso nach Süden abfällt. Bei Fernsicht sieht man das sanfte, blaue Profil des Monviso und die Stadt Turin. Der Langensee, der Lago di Varese und der Lago di Monate blitzen wie Spiegelflächen auf. Wenige Schritte genügen, um auf Höhe der Baumwipfel zu sein, und fast zum Greifen nahe wirkt das Monte-Rosa-Massiv.

Der Landwirtschaftsbetrieb liegt einige Kilometer weiter nördlich, bei Muggiasca, auf der anderen Seite des Bergrückens. Die sanften Hänge sind da von Menschenhand gepflegt und werden von den Gipfeln des Muggiotals überragt: vom Bisbino, Sasso Gordona, Monte d’Orimento und natürlich Monte Generoso. Die Vielfalt der Landschaften hier ist bezaubernd.

Die Cereghettis leben seit Generationen in der Gegend. Auf dem Gut Pianspessa liegt ein verlassener Hof aus dem 18. Jahrhundert, den sie kürzlich erworben haben, und in der «nevèra» nebenan, einem alten Kühlraum, sinkt die Temperatur, je weiter man die Treppe hinuntersteigt. «Alles Kalkstein aus Moltrasio», sagt Luca, der ältere der beiden Söhne, der demnächst in Freiburg sein Geschichtsstudium abschliesst. Er erzählt mir von der Wiederinbetriebnahme des Gutshofs, die er mit der Familie plant. Luca und sein Bruder Samuele, der vor Kurzem seine Ausbildung als Landwirtschaftstechniker beim Strickhof in Zürich abgeschlossen hat, arbeiten aktiv mit den Eltern zusammen und bieten mit ihren Kompetenzen Gewähr für die Zukunft des Betriebs. Die Hauptaktivitäten sind zurzeit die Futtergewinnung und die Milchprodukteherstellung. Zum Bauernhof gehören acht Milchkühe, rund vierzig Schafe, zwei Esel und ein Dutzend Schweine. Und der Agriturismo.

«Ich bin die Chefin, er der Käser», scherzt Marina Cereghetti mir gegenüber. Ihr Mann Franco stellt Käse her, führt den Betrieb und ist auch noch unterhaltsam. Seine Stimme erfüllt den ganzen Speisesaal. «Ihr seht ja strahlend schön aus», sagt er zu vier Wanderinnen, die gerade von Obino gekommen sind. Wenn er am Tisch in der Mitte des Saals sitzt und zur Person neben ihm spricht, hören ihn alle. «Was schreist du immer so? Die Leute sind doch nicht taub», sagt Marina und setzt sich zu uns. «So ist eben meine Stimme, ich rede so und ich singe auch so, nicht wie die Leute, die im Chor singen und nur die Lippen bewegen», verteidigt sich Franco, der alle Anwesenden ins Gespräch ziehen will. «Carminati, Crivelli, Toto Cavadini – das sind meine Vorbilder», fährt er fort. Inzwischen habe ich bereits Formagella (Weichkäse), Käse und Busciün (Frischkäse) probiert und diese Reihenfolge streng befolgt. Salami und Leber-Mortadella. Drei Ossibuchi. Mindestens vier Schöpflöffel Polenta und eine Apfelwähe. Wir sind beim Kaffee angelangt. «Kaffee? Kaffee? Kaffee?», fragt man uns aus der Küche. Drei oder vier antworten mit Ja. «Mit Grappa aber», sagt Franco, «denn du weisst, Kaffee ohne Schuss ist wie eine angezogene Frau». Dann her mit dem Grappa.

Die Ossibuchi mit Polenta, wie ich höre, sind denn auch der Hauptgang am 1. August-Brunch, während die Käse- und Wurstauswahl zur Vorspeise gereicht werden. «Sollte der Brunch denn nicht eine Mischung aus Frühstück und Mittagessen sein?» – «Wir haben versucht, ein Buffet ohne Zeitvorgabe anzubieten, an dem sich jeder bedienen konnte, aber die Leute kommen lieber zu einer bestimmten Zeit, setzen sich und essen gemeinsam.» Ich frage Marina, wie viele Personen erwartet werden und wer sich um den Service kümmert. «In der Regel kommen rund hundert Personen. Um den Service kümmern wir uns, einige Freunde und Verwandte helfen uns. Es geht aber mehr um die Vorbereitung als um den Service. Neuerdings bereiten wir die Antipasti-Platten vor, sonst übertreiben die Leute und essen den zweiten Gang nicht mehr. Neben der Wurstauswahl machen wir kleine frische Käsebällchen aus Busciün, die man als Amuse-Bouches essen kann. Und dann kommen die geschmorten Ossibuchi.» Aber die Polenta? Wollen die Leute im August wirklich Polenta? «Kaum zu glauben, aber ja. Wenn wir keine machen, verlangen sie ausdrücklich danach. Aber hier ist es auch im Sommer eher kühl.» Als ich Marina frage, was für ihren ersten August typisch ist, sagt sie: «Die schönsten Momente? Das Singen. Wenn wir alle zusammen singen. In unserer Familie haben wir alle eine schöne Stimme, nicht nur Franco.»