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Die Liebe macht den Brunch

Manchmal sind es die grossen Begegnungen und Veränderungen des Lebens, die es einem Landwirt ermöglichen, neue Tätigkeitsfelder zu erschliessen. Diese Erfahrung machten Raphaël und die Familie Sommer in Les Reussilles im Berner Jura, als die Städterin Monika mit ihrer ansteckenden Energie vor acht Jahren in ihr Leben trat.

Dass sich Raphaël und Monika Sommer blendend verstehen, sieht man auf den ersten Blick. Doch vor rund zehn Jahren lebte Monika allein mit ihren drei Kindern in Bümpliz, einem Vorort von Bern – fernab von der ländlichen Idylle von Les Reussilles im Berner Jura. Nach einer Trennung hatte die junge Frau Mühe, den richtigen Lebenspartner zu finden. Eine Arbeitskollegin, die aus einer Bauernfamilie stammte, riet ihr damals: «Du brauchst einen Bauern, das wäre ein Mann für dich.» Monika beherzigte den Rat ihrer Freundin und warf einen Blick in die Kontaktanzeigen im «Schweizer Bauer». Dabei stiess sie auf die Anzeige von Raphaël. «Da stand so was wie: 'Wenn du die Natur, Tiere und Kinder liebst …'», erinnert sie sich. «Ich wollte im Kanton Bern bleiben. Ich wusste damals auch nicht, dass seine Muttersprache Französisch ist. Hätte ich es gewusst, hätte ich ihm wohl nicht geschrieben.»

Die Antwort von Raphaël fiel sehr knapp aus. Etwas zu knapp für die redselige Bernerin. «Ich musste ihm die Würmer regelrecht aus der Nase ziehen, um mehr über ihn zu erfahren», erklärt sie lachend. «Ich wollte wissen, wie alt seine Kinder sind, wie sie heissen und wo er genau wohnte. Und schliesslich, nach der dritten Nachricht, habe ich ihn gefragt, ob er an einem ersten Treffen interessiert wäre.»

Ein «einfacheres» Leben
Seither hat sich die Kommunikation des Paars markant verbessert. Dazu ist anzumerken, dass Raphaël perfekt Schweizerdeutsch spricht, da er den Dialekt von seinen Eltern erlernt hat. Dennoch war diese Lebensumstellung – der Wechsel von einer Deutschschweizer Stadt in ein kleines Dorf im beschaulichen Berner Jura – für Monika nicht leicht. «Ja, am Anfang war es schwierig. Es hat nicht so viele Läden wie in einem grossen städtischen Zentrum, und der Ort ist sehr abgelegen. Andrerseits langweilt man sich mit der Familie Sommer keine Sekunde. Und ich habe mich sehr schnell an dieses einfachere Leben gewöhnt.» Ein einfaches, aber zweifellos sehr erfülltes Leben. Dies umso mehr, als zu den drei Kindern von Monika noch die drei von Raphaël hinzukommen. Da hat man alle Hände voll zu tun, um den Haushalt zu schmeissen, Mahlzeiten zuzubereiten, während sich der Bauer um den Betrieb kümmert. Beim Hof der Familie Sommer handelt es sich um einen Milchbetrieb, der gerade auf Bio-Produktion umgestellt wird und rund zwanzig Kühe der Rasse Red Holstein umfasst, welche genetisch bedingt keine Hörner haben. Die Milch wird direkt an die Fromagerie des Reussilles geliefert, welche Gruyère-Käse mit dem AOP-Label und weitere regionale Spezialitäten herstellt.

Die Ankunft von Monika und ihren Kindern auf dem Hof der Familie Sommer hat sich auch auf den Betrieb und die Diversifizierung seiner Aktivitäten ausgewirkt. Denn obwohl die Mutter von Raphaël schon immer gerne einen Erst-August-Brunch organisiert hätte, kam ein solcher nie zustande. Erst auf Initiative von Monika hat sich die Familie Sommer vor zwei Jahren erstmals zu diesem Schritt entschlossen. Die Zahl der Plätze war zunächst auf 60 Personen begrenzt, da die Scheune im Falle eines Unwetters nicht mehr gedeckte Plätze bietet. Doch im letzten Jahr konnte der Hof dank des schönen Wetters und zahlreicher Anfragen von neuen Besuchern im Vorfeld des Events schliesslich 130 Gäste bewirten. «Als die Leute uns anriefen und sich erkundigten, ob noch Plätze frei seien, konnten wir einfach nicht Nein sagen», erklärt Raphaël. «Andrerseits würden wir aber auch mit einer grösseren überdachten Fläche nicht mehr Leute einladen – selbst wenn wir dies könnten. Mit noch mehr Besuchern wäre es kein richtiger Brunch mehr.»

Ein Brunch in einem familiären Rahmen
Den Betreibern des Bauernhofs ist es ein Anliegen, ihre Besucher angemessen zu empfangen und für Gespräche offen zu sein. «Bei einem Brunch in einem überschaubaren Rahmen kann man auf die Leute eingehen und sich mit ihnen unterhalten», meint Monika. «Sinn der Sache ist es ja, unsere Arbeit, unseren Beruf mit Menschen zu teilen, die nicht Landwirte sind und nicht unbedingt auf dem Land leben.»Die ganze Familie packt bei den Vorbereitungen mit an. So organisiert die Schwester von Raphaël zum Beispiel spezifische Aktivitäten für die Kinder, aber auch einen Wettbewerb mit Fragen, die die Teilnehmenden dazu animieren, sich auf dem Bauernhof etwas genauer umzusehen. Die angebotenen Produkte stammen direkt vom Hof oder von benachbarten Kollegen – vom Brot und vom Zopf über die Eier, den Käse und das Fleisch bis hin zum Joghurt und zur Konfitüre.

Neben den Brunches ist der Hof in Les Reussilles auch Mitglied der Initiativen «Stallvisite» und «Schule auf dem Bauernhof». Die Mutter von Raphaël kümmert sich zudem um die Aktivität «Glace vom Bauernhof». Monika und Raphaël würden gerne ein Selbstbedienungssystem einführen, das leichter zu verwalten wäre. «An Ideen mangelt es nicht», bestätigt Monika. «Aber man hat eben nicht für alles genug Platz, Zeit und natürlich auch das nötige Geld.»

Zum Glück profitiert der Hof als Lieferant für den Gruyère AOP von einem attraktiveren Milchpreis. Der Brunch dient somit nicht dem Zweck, zusätzliche Einnahmen zu generieren. «Wenn man die Arbeitsstunden für die Organisation mit einrechnet, bringt der Brunch nicht viel ein», erklärt das Paar. «Aber wir machen das ja nicht des Geldes wegen. Wir tun es, weil es uns selbst und den Leuten, die uns besuchen, Freude bereitet.»