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« Das Alp-Virus hat uns gepackt! »

Jahr für Jahr gibt es für rund 15'000 Älplerinnen und Älpler kein Halten mehr – sie ziehen den Sommer über mit ihren Tieren, Kind und Kegel in die Berge. So auch die junge Familie Santschi aus dem Berner Oberland. Nadja und Simon erzählen, weshalb die Berge sie dermassen in ihren Bann ziehen und es für sie keinen schöneren Arbeitsplatz gibt.

Viele heimische Alpen sind längst keine einsamen Fleckchen mehr. Nebst weidenden Kühen, Rindern, Ziegen, Schafen und Pferden stürmen Wanderer auf die Gipfel, Biker kurven mit ihrem fahrbaren Untersatz entlang üppiger Wiesen ins Tal. Jene, die auf einer Alp arbeiten, verbringen aber nicht selten den ganzen Sommer nahe der Baumgrenze. Manche gar das ganze Jahr über – wie die dreiköpfige Familie Santschi aus Zweisimmen im Berner Oberland. Doch welche Motivation steckt hinter diesem Leben?

Leben auf 1560 m über Meer
Geschafft! Von der Site Alp schweift der Blick über den Talschlitz hinüber zum markanten Wildstrubel. Die 2004 erbaute Rundholzhütte mit Schaukäserei und Viehstall thront ehrwürdig im Gebiet Sparenmoos auf 1560 m über Meer – mit dem Bus ab Zweisimmen und einem kurzen Fussmarsch ideal erreichbar. Auf den ersten Blick erinnert sie wenig an die vielen niedrigen und oft mit wenig Licht durchfluteten Alphütten. Ein grosser einladender Bau empfängt die Besucher.

Simon Santschi ist gelernter Milchtechnologe und Landwirt, seine Frau Nadja Kauffrau und Gastwirtin. Mit Unterstützung der ganzen Familie und Angestellten wird im Sommer gemolken, produziert, bewirtet, gehegt und gepflegt, was die Zeit hergibt. Im Winter führen Nadja und Simon die Site Alp als einfaches Restaurant und ergänzen so das touristische Angebot im beschaulichen Winterparadies Sparenmoos. Seit September sind sie zu dritt unterwegs, Söhnchen Lionel gehört jetzt ebenfalls dazu.

Die Gäste sind unser Barometer
Rund 90 Kühe und 15 Rinder gehören auf 100 Hektaren zur Site Alp. Die gesamte Milch dieser sowie 40 weiterer Kühe von Nachbaralpen wird in der modern eingerichteten Schaukäserei zu Berner Alpkäse, Mutschli, Raclette und Joghurt verarbeitet. Die übrigbleibende Molke verfüttert Simon den 150 quirligen Alpschweinen. «Uns ist wichtig, dass wir möglichst viele Kreisläufe auf der Alp schliessen können». Insgesamt 14 Tonnen Käse stellt er Jahr für Jahr her, davon werden rund 1000 kg im Beizli eingesetzt. Ein Fünftel der Produktion verkaufen die beiden über einen kleinen Tresen gleich beim Eingang der Hütte. Ab und zu wird auch experimentiert: Seit einiger Zeit gibt’s Kräuter- und Chili-Mutschli zu kaufen. «Unsere Gäste sind die besten Barometer. Kommt der Käse gut an, produzieren wir im Jahr darauf einfach etwas mehr.»

Charakteristisch für die Site Alp sind auch deren Events. Im Sommer sind es der 1. August-Brunch, Seminare, Team-Events, Geburtstage – oft verbunden mit einer Käsereibesichtigung. Im Winter zählen vorwiegend Langläufer und Schlittlergruppen zu den Gästen. «Wir lieben den Kontakt mit Menschen. Uns ist wichtig, dass wir den Besuchern Einblicke in die heimische Alplandwirtschaft ermöglichen», so Nadja, «Pommes frites und Orangensaft sucht man vergeblich auf unserer Speisekarte. Wir wollen authentisch sein und zeigen, was unsere Alp so hergibt und wer die Personen sind, die dahinterstecken.». Sanfter nachhaltiger Tourismus sei den beiden wichtig, ergänzt Simon.

Die Natur ist der Motor
Die Berge, deren Ruhe und die Bescheidenheit der Natur sind für Simon die Antriebskraft, das ganze Jahr über auf der Alp zu leben. «In die Stadt zu gehen, ist für mich mehr Muss als Freude», schmunzelt er, «ich bin gerne mein eigener Chef und entscheide selbstständig, wann welche Arbeit verrichtet wird.». Natürlich schleiche sich nach einem langen strengen Alpsommer auch Müdigkeit ein, ergänzt Nadja, aber dafür sei man im Winter flexibler und habe mehr Zeit für sich. «Im Frühjahr können wir es aber jeweils kaum erwarten, wenn’s mit dem Trubel wieder losgeht. Es ist wie ein Virus», so die beiden.

Nach dem Projekt ist vor dem Projekt
Gibt’s Projekte, die Familie Santschi demnächst in Angriff nehmen wird? «Das bargeldlose Bezahlen mit TWINT und selber Strom zu produzieren finden wir spannend», zählt Nadja auf. An innovativen Ideen mangelt es den beiden sowieso nicht. So führt Nadja auf ihrer Webseite www.santschis.ch einen Alpen-Blog und schreibt von Zeit zu Zeit auch Kurzepisoden vom Alpsommer für die regionale Zeitung. Auch in den sozialen Medien (Facebook und Instagram) ist sie anzutreffen. Und wenn Nadja nebst all dem doch noch etwas Zeit findet, malt und schreibt sie auch ihre eigenen Kinderkurzgeschichten.

 

Die einheimischen Sömmerungsgebiete umfassen heute ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche und werden von rund 6’800 Alpbetrieben bewirtschaftet. Und diese Arbeit ist Gold wert, sie trägt wesentlich zur Attraktivität der Schweiz bei. Die Älplerinnen und Älpler sorgen mit ihrer Bewirtschaftung für eine grosse Pflanzenvielfalt und dafür, dass Wandern, Biken und Ski fahren überhaupt möglich ist. Werden Alpweiden nicht mehr gepflegt, verbuscht die Landschaft – und davon hat letztendlich weder der Tourismus noch die Region etwas.